Röntgen beim Kiss Syndrom: Notwendig oder nicht?
Immer wieder werden wir von verunsicherten Eltern nach der Notwendigkeit einer Röntgenaufnahme bei der Behandlung des Kiss Syndroms gefragt, da einige Kiss Ärzte bei jedem Säugling vor einer Kiss Behandlung die Kopfgelenke röntgen lassen.
Als Begründung hierfür wird angeführt, daß das Kiss Syndrom angeblich erst auf Basis einer Röntgenaufnahme gezielt behandelt werden könne.
Das diese Aussage an groben Unfug grenzt, wird an folgendem Beispiel deutlich:
Das Kopfgelenk eines Säuglings im Rahmen der Kiss Therapie an Hand einer Röntgenaufnahme behandeln zu wollen ist ungefähr so, als wollte ein Chirurg eine minimalinvasive Meniskusoperation an Hand einer Röntgenaufnahme durchführen. Würden Sie diesem Chirurgen Ihr Knie anvertrauen?
Tatsächlich wäre eine Röntgenaufnahme in beiden Fällen so alt wie die Zeitung von gestern. Ein Röntgenmonitoring während der Behandlung wäre zwingend notwendig um auf diese Weise gezielt arbeiten zu können.
Weiterhin muß man wissen daß bei den meisten betroffenen Säuglingen zwar die Kopfgelenke und das umliegende Gewebe traumatisiert sind, sich aber trotzdem keine Verschiebung oder Verdrehung der Wirbelkörper feststellen läßt. Hinzu kommt daß es sich bei dem, was auf so einer Aufnahme im günstigsten Fall zu sehen ist, um Abweichungen im Millimeterbereich handelt.
Schon minimale Veränderungen in der Positionierung des Kopfes während der Aufnahme und der Behandlung würden zu einem nicht mehr verwertbaren Befund führen.
Bei der überwiegenden Zahl der Fälle in unserer Praxis ist die Diagnose eindeutig, mithin entfällt in der Regel die Notwendigkeit einer Röntgenaufnahme. Bei persistierender Symptomatik und unklarer Diagnose kann eine Röntgenaufnahme sinnvoll und auch notwendig sein, um z.B. über die Kiss-Therapie hinaus eine optimale Versorgung des Kindes zu gewährleisten und andere Ursachen auszuschließen. Sinnvoller als das Röntgen mit der Gießkanne erscheint uns hier aber die Aufklärung der Eltern und eine Wiedervorstellung der Kinder innerhalb von 14 Tagen.
Selbst Ärzte die als Verfechter von generalisierten Röntgenaufnahmen bekannt sind, geben zu daß mehr als 90% der Kiss Diagnose auf dem manuellen Tastbefund während der Behandlung beruht. Dieses Argument wird von diesen Ärzten gern als Begründung dafür herangezogen daß Physiotherapeuten keine Kiss Therapeuten sein können, da Diagnose und Behandlung bei der Kiss Therapie ineinander übergehen und gleichzeitig stattfinden müssen, Physiotherapeuten es in Deutschland aber verboten sei auf Grund einer selbst gestellten Diagnose tätig zu werden.
Wir versuchen Belastungen dort zu vermeiden wo sie entbehrlich werden, und eine Röntgenaufnahme ist und bleibt ein schädlicher Eingriff, auch wenn dies von den Röntgenärzten gern verniedlicht wird.
Tatsächlich entsteht bei diesen Aufnahmen eine nicht unerhebliche Strahlenbelastung auf einen besonders empfindlichen Bereich des kindlichen Organismus, der Orbita. Darüber hinaus ist das Prozedere bei der speziellen “Röntgenaufnahmen nach Gutmann” eine Tortur für alle Beteiligten. Es verwundert daher nicht daß man auf den einschlägigen, von den Kiss-Ärzten betriebenen Foren und Internetseiten wie z.b. Kiss-Kid, wenig Informationen darüber findet.
Es ist nämlich so: Bei der für die Kiss Behandlung praktizierten “Röngenaufnahme nach Gutmann” muß die Aufnahme bei dem auf dem Rücken liegenden Säugling durch den geöffneten Mund erfolgen. Daß der Säugling nicht freiwillig in dieser Position verharrt versteht sich von selbst, er muss deshalb von mindestens zwei Helfern in dieser Position fixiert werden. Welchen Stress diese Prozedur für das Kind und die Eltern bedeutet, kann man sich lebhaft ausmalen.
Zusammenfassend kann gesagt werden daß die Behauptung, man könne im Rahmen der Kiss Therapie an Hand einer Röntgenaufnahme der Kopfgelenke eines Säuglings denselben präziser behandeln, einer seriösen Betrachtung nicht standhält und ins Reich der Märchen, Fabeln und Mythen gehört.
Das Gros der hierfür gemachten Röntgenaufnahmen dürfte ohne jegliche Aussgagekraft sein, weil das Kind während der Aufnahme kaum stllhält. Auch die empfohlene Fixierung des Kopfes während der Aufnahme durch zwei Helfer hilft da wenig weiter, denn die Bemühungen des Säuglings sich aus diesem Schraubstock aus Händen zu befreien führen zu Anspannungen der Muskulatur im Bereich der Kopfgelenke, welche wiederum deren Position verändern können.