Röntgen beim Kiss Syndrom: Notwendig oder nicht?

Immer wieder werden wir von verunsicherten Eltern nach der Notwendigkeit einer Röntgenaufnahme bei der Behandlung des Kiss Syndroms gefragt, da einige Ärzte jeden Säugling vor einer Kiss Behandlung röntgen lassen.
Angeblich sei dies notwendig um die Kopfgelenke auf Basis einer Röntgenaufnahme gezielt behandeln zu können.
Wie hanebüchen diese Aussage ist, wird an folgendem Beispiel deutlich:

Stellen Sie sich vor Sie sollen am Meniskus operiert werden.   Nun schlägt der Chirurg Ihnen eine minimalinvasive Meniskusoperation vor, die er an Hand einer vorher aufgenommenen Röntgenaufnahme durchführen möchte. Würden Sie diesem Chirurgen Ihr Knie anvertrauen?

Tatsächlich wäre eine Röntgenaufnahme in diesem Fall so alt wie die Zeitung von gestern und vollkommen unbrauchbar. Ein Röntgenmonitoring während der Behandlung wäre zwingend notwendig um auf diese Weise gezielt arbeiten zu können. Genauso ist es mit der Röntgenaufnahme des Kopfgelenks eines Säuglings, sie ist im Rahmen der Kiss Therapie zu 100% unbrauchbar.

Man sollte hierzu auch wissen daß bei vielen betroffenen Säuglingen zwar die Kopfgelenke und das umliegende Gewebe traumatisiert sind, sich aber trotzdem keine Verschiebung oder Verdrehung der Wirbelkörper feststellen läßt. Hinzu kommt daß es sich bei dem, was auf so einer Aufnahme im günstigsten Fall zu sehen ist, um Abweichungen im Millimeterbereich handelt.
Schon minimale Veränderungen in der Position des Kopfes während der Aufnahme und der Behandlung würden zu einem nicht mehr verwertbaren Ergebnis führen.

Bei der für die Kiss Behandlung praktizierten “Röngenaufnahme nach Gutmann” muß die Aufnahme bei dem auf dem Rücken liegenden Säugling durch den geöffneten Mund erfolgen. Daß der Säugling nicht freiwillig in dieser Position verharrt versteht sich von selbst, er muss deshalb von mindestens zwei Helfern in dieser Position fixiert werden. Dann wird dem Kind vom behandelnden Arzt ein Schmerz zugefügt damit es schreit und somit den Mund öffnet. Welchen Stress diese Prozedur für das Kind und die Eltern bedeutet, kann man sich lebhaft ausmalen.

Das Gros der auf diese Weise gemachten Röntgenaufnahmen dürfte schon allein deshalb ohne jegliche Aussgagekraft sein, weil das Kind während der Aufnahme kaum stllhält. (Sie erinnern sich: Während einer Rönrgenaufnahme bittet die Assistentin Sie für einen Augenblick das Atmen einzustellen, damit die Aufnahme nicht verwackelt!) Auch die empfohlene Fixierung des Kopfes während der Aufnahme durch zwei Helfer hilft da wenig weiter, denn die Bemühungen des Säuglings sich aus diesem Schraubstock aus Händen zu befreien führen zu Anspannungen der Muskulatur im Bereich der Kopfgelenke, welche wiederum deren Position verändern.

Selbst Ärzte die als Verfechter von generalisierten Röntgenaufnahmen bekannt sind, geben zu daß mehr als 90% der Kiss Diagnose auf dem manuellen Tastbefund während der Behandlung beruht. Dieses Argument wird gern als Begründung dafür herangezogen daß Physiotherapeuten keine Kiss Therapeuten sein können, da Diagnose und Behandlung bei der Kiss Therapie ineinander übergehen und gleichzeitig stattfinden müssen, Physiotherapeuten es in Deutschland aber verboten sei auf Grund einer selbst gestellten Diagnose tätig zu werden.

Es sollte versucht werden Belastungen dort zu vermeiden wo sie entbehrlich werden, und eine Röntgenaufnahme ist und bleibt ein schädlicher Eingriff, auch wenn dies von den Röntgenärzten gern verniedlicht wird.

Tatsächlich entsteht bei diesen Aufnahmen eine nicht unerhebliche Strahlenbelastung auf einen besonders empfindlichen Bereich des kindlichen Organismus, der Orbita. Darüber hinaus ist das Prozedere bei der speziellen “Röntgenaufnahmen nach Gutmann”  eine Tortur für alle Beteiligten. Es verwundert daher nicht daß man auf den einschlägigen, von den Kiss-Ärzten betriebenen Foren und Internetseiten  wie z.b. Kiss-Kid, wenig Informationen darüber findet.

Zusammenfassend kann gesagt werden daß die Behauptung, man könne im Rahmen der Kiss Therapie die Kopfgelenke eines Säuglings an Hand einer Röntgenaufnahme präziser behandeln einer seriösen Betrachtung nicht standhält und ins Reich der Märchen, Mythen und Fabeln gehört.

Bei der überwiegenden Zahl der Fälle ist die Diagnose eindeutig, mithin entfällt in der Regel die Notwendigkeit einer Röntgenaufnahme. Bei persistierender Symptomatik und unklarer Diagnose kann eine Röntgenaufnahme sinnvoll und auch notwendig sein, um z.B. über die Kiss-Therapie hinaus eine optimale Versorgung des Kindes zu gewährleisten und andere Ursachen auszuschließen. Sinnvoller als das Röntgen mit der Gießkanne erscheint uns hier aber die Aufklärung der Eltern und eine Nachuntersuchung der Kinder innerhalb von 14 Tagen.